Die neue Offenheit
Berlin ist toll. Hier findet jeder Topf seinen Deckel. Zumindest theoretisch. Neulich belauschte ich – natürlich aus rein journalistischem Interesse und keinesfalls aus Neugier – ein Gespräch in einem dieser Technotempel, die junge Menschen gerne mal am Samstagabend besuchen.
Es waren drei Schnösel mit schicken Designerklamotten, noch schickeren Frisuren, aus deren stützendem Haarwachs man sicher einige Kerzen hätte ziehen können, und am schicksten waren ihre Körper. Sie mochten vielleicht Mitte 20 sein, ein Alter, in dem man eigentlich schon die ein oder andere Blödheit und Oberflächlichkeit der Jugend hätte ablegen können. Doch ihre Blondierung schien etwas zu tief ins Hirn gezogen.
Die drei Schönen der Nacht unterhielten sich über ihre sexuellen Vorlieben. Sie wussten ganz genau, was ging und was nicht. Nummer eins stand auf "muskulöse, tätowierte Schwarze mit langem Schwanz und kurzen Haaren in Trainingshosen", Nummer zwei bevorzugte "ausschließlich sportliche Latinotypen mit Sneakern und knackigem Arsch", Nummer drei präferierte "goile Skinglatzen in Springerstiefeln und Armeeklamotten, aber geduscht." Sie diskutierten und kommentierten die anwesenden Gäste. Irgendwie waren sie ziemlich mäkelig. Keiner war ihnen gut genug, keiner ausreichend muskulös, keiner befriedigend sexy. Auch ich habe meine Vorlieben, wenn auch nicht ganz so spezialisiert, und lauschte interessiert weiter. Nun, eigentlich lauschte ich nicht, die sprachen schon sehr laut.
Ich fand die Jungs, die sie blöd fanden, eigentlich ganz lecker und geil. War ich zu oberflächlich? Zu wahllos? Hatte ich meine (Geschmacks-) Grenzen verloren und nahm, nach dem ich die Mitte 30 überschritten hatte, etwa jeden auf der Suche nach ein bisschen sexueller Befriedigung, weil mir womöglich nichts anderes übrige blieb? Ich war verunsichert.
Nummer eins mochte nur Oralverkehr und manchmal Ficken, dann aber aktiv, die beiden anderen hatten auch ganz genaue Vorstellungen. Ich hätte noch Stunden lauschen können. Doch dann kam mein bester Freund Manfred aus einer dunklen Ecke und jauchzte: "Sich einfach treiben lassen ist doch was Tolles!" Somit verpasste ich leider den Fortgang des Schnöselgesprächs und wandte mich Manfred zu: "Worauf stehst eigentlich du so?" "Wie kommst du denn da jetzt drauf? Das weißt du doch! Das kommt darauf an." "Die drei hier neben dir wissen ganz super-genau, was sie wollen", flüsterte ich. Er schaute hin und grinste: "So sehen die auch aus. Aber im Ernst, ich versteh die Jungs nicht, die genaueste Vorstellungen haben und nur mit einem speziellen Turnschuh einer speziellen Marke Sex haben können. Die verbauen sich doch so viel!"
Mir geht es ähnlich wie Manfred. Man kann im Internet auf den einschlägigen Seiten in den Suchmaschinen ganz genau eingeben, was man sucht, aber je feiner man seine Suche einstellt, desto größer die Chance, eben nichts zu finden.
"Es braucht Offenheit! Dann kannst du guten Sex haben", dozierte mein bester Freund. War es der Alkohol? Die Tatsache, dass er eben abgespritzt hatte? Seine Worte waren wohlgewählt, weise und wahr. Ich war überrascht. Er fuhr fort: "Wenn man sich in diesen unseren Zeiten Schönheit, Waschbrettbäuche und Jugend kaufen kann, welchen Wert haben sie dann noch? Diese scheinbaren Werte werden austauschbar!" Die drei Schnösel schauten irritiert und das Volumen ihrer Frisuren schien zu schrumpfen. Die Wirkung gewisser Substanzen bei ihnen begann nachzulassen und Nummer eins erhob sich, um in Richtung Toilette zu lustwandeln.
Ich grinste Manfred an. Nein, ich war nicht wahllos, ich war einfach nur nicht so oberflächlich, dass ausschließlich ein klitzekleiner Ausschnitt von Wirklichkeit für mich in Frage kam. "Je enger man sein Raster steckt, desto eher auch die Wahrscheinlichkeit, dass man unzufrieden ist, weil man das nicht findet, was man sucht", sagte ich und Manfred nickte zustimmend. "Wenn einem nichts und niemand gut genug ist, dann wird er bestimmt nicht glücklich." Manfred nickt wieder: "Einfach offen sein!" Ich hüstelte und er wurde rot: "So habe ich das nicht gemeint."
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